Blogeintrag

Kluge Konzepte machen historische Bauten zu attraktiven Immobilien

Posted by Anna Barusch on Nov 30, 2017 10:27:30 PM

Eine Sonnenblume hängt am Bauzaun, Grablichter wurden entzündet und eine Todesanzeige formuliert. Mit Unterschriftensammlungen und Protestwachen schlagen Münchner Bürger derzeit Alarm. Sie stehen vor einer Baustelle im Stadtteil Giesing, auf dem bis vor kurzem noch das  sogenannte Uhrmacherhäusel stand. Von dem denkmalgeschützen Bau ist allerdings nur noch ein Haufen Schutt übrig. In einer Nacht- und Nebelaktion wurde das Haus aus dem 19. Jahrhundert eingerissen. In neun Minuten hatten die Bagger der Baufirma, die der neuen Eigentümer mit der Sanierung beauftragt hatte, dem Gebäude den Garaus gemacht.

Nun ist es mit Denkmalschutz so eine Sache. Wer in ein historisches Haus investieren möchte, ist häufig mit hohen Auflagen konfrontiert. Was von außen oft schmuck und ansehnlich ausschaut, ist von innen möglicherweis nur noch eine Ruine, und muss überdies denkmalgerecht wiederhergestellt werden. Meist handelt es sich dabei um massiv risikobehaftete Immobilien, Bauten, von denen beim Kauf nicht absehbar ist, wie aufwändig die Kosten für den Umbau sind. 

Der Bauherr, dem zur Last gelegt wird, er habe das Giesinger Handwerkerhaus mutwillig einreissen lassen, wird zusätzlich mit hohen Bußgeldern rechnen müssen. Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle fordert empfindliche Geldstrafen. Oberbürgermeister Dieter Reiter kündigt an, die Behörden werden „mit aller Härte gegen die Verantwortlichen vorgehen.“ Das Denkmalschutzgesetz sieht ein Bußgeld von 250 000 Euro vor. Nach der Bayerischen Bauordnung könnten bis zu 200 000 Euro verlangt werden. Derzeit zeichnet sich jedoch die Tendenz ab, die Baufirma müsse das Haus wieder originalgetreu aufrichten. 

Dabei sind historische Gebäude oft besonders interessante Investitionsvorhaben. Frisch renoviert und im Rahmen innovativer Konzepte genutzt, wirken sie attraktiv und ziehen viele Besucher an. Verkaufsmärkte wie die Ackerhalle im Berliner Bezirk Mitte, ein Lebensmittelladen mit grosszügigem Angebot und mehrere Handwerksbetriebe, die sich in einer historischen Markthalle gemeinsam angesiedelt haben, erfreuen sich wachsender Beliebtheit.

So ist es auch Grossinvestor Harald G. Huth gelungen, die ehemalige Schultheiss Brauerei im Berliner Bezirk Wedding nahe Turmstraße zu einem weitläufigen Shopping-Areal umzugestalten. Erst kürzlich wurde die Richtkrone aufgezogen. 2018 soll das Einkaufszentrum fertig sein. 

Seit Ende der achtziger Jahre wurde hier kein Bier mehr gebraut, das eindrucksvolle Backsteingebäude mit seinen Erkern, Türmen und Zimmen sowie das alte Sudhaus nicht mehr genutzt. Das Areal umfasst mehrere Häuser, zwischen denen sich ein weitläufiger Hinterhof ausbreitet. Es hat fast den Charakter eines ländlichen Dorfkerns. 

Nun soll alles schick und anders werden. Die verkommenen Räumlichkeiten werden saniert und der Außenbereich in ein wohnliches Ensemble vewandelt. Verantwortlich für das neue Gesicht zeichnet der Schweizer Architekt Max Dudler. Er gewann im Frühjahr 2015 den Wettbewerb zur Neugestaltung der historischen Backsteinfassade. Drei alte Gebäude auf dem Areal werden saniert, der auffällige sandfarbene Stein des Altbaus gleichzeitig als Vorlage für angrenzende Neubauten aufgegriffen. 

Schwierig an diesem Bauvorhaben waren nicht nur die alten, heruntergekommenen Bauten. Zu Beginn machten auch hier Anwohner mit Prostesten von sich reden. Sie fürchteten, eine teure Einkaufsmeile könne die althergebrachten Strukturen in ihrem Kiez auflösen. Das Überleben der kleine Händler, die sich derzeit rund um die Tumstraße angesiedelt hatten, könne dadurch gefährdet sein, meinten sie aufgebracht. 

Historischer Baubestand erregt immer gerne die Gemüter. Einerseits wirkt er attraktiv, andererseits weckt seine Nutzung Emotionen. Umso größer ist die Freude, wenn sich Alt und Neu geschickt kombinieren lassen und der Bau am Ende für alle Beteiligte eine Bereicherung darstellt. Was in Berlin gelungen ist, könnte auch andernorts eine Perspektive sein. Der Abriss eines denkmalgeschützten Hauses ist jedenfalls keine adäquate Lösung.

Topics: Immobilien, historische Bauten